«Nur Aufgeben gilt nicht»

Workshopleiterin ACT

Serhat*

Er wurde in der Schule nur als störend wahrgenommen. Er hatte innerhalb seiner Schullaufbahn 7 Klassenkonferenzen. Er hat 5 Jahre mit uns Theater gespielt. Als er einmal alte Filmaufnahmen von sich mit 12 Jahren bei der Probe sieht, schüttelt er nur den Kopf und fragt: «Wie habt ihr mich bloß ausgehalten?» Später hat er seine Ausbildung zum Krankenpfleger mit der Note 1 abgeschlossen. Mittlerweile arbeitet er am Berliner Flughafen und ist ein hochgeschätzter Mitarbeiter mit interkultureller Kompetenz. Eine Gabe, um die ihn viele Kollegen beneiden.

Samira*

Samira kommt 2014 zum ersten Mal zur Probe. Sie ist sehr zurückhaltend, still, nimmt kaum Kontakt zu den anderen auf. Beim ersten Warm-up setzt sie sich gleich an den Rand, sagt leise zu mir: Ich will nicht, dass die anderen mich anfassen. Ich sage: Das ist völlig in Ordnung, Samira. Ich kann denen einfach sagen, dass du das nicht möchtest, das wird absolut respektiert, keine Sorge. Oder möchtest du das selber sagen?

Samira überlegt und entscheidet sich dann, es selbst zu sagen. Die anderen nicken, ok. Keiner macht blöde Bemerkungen. Alle wissen, dass ihre eigenen Wünsche auch respektiert werden.

Aber ein paar Wochen später fehlt Samira. Ich bekomme einen Anruf von den Eltern. Samira gehe es schlecht. Sie müsse erstmal in Behandlung und werde wohl erstmal nicht mehr zu den Proben kommen. Sie habe erzählt, dass es schön gewesen sei bei den Proben – und ob sie nicht im nächsten Jahr einsteigen könne? Ich sage: Ja, selbstverständlich. Wir freuen uns, wenn Samira wieder kommt.

Ein Jahr später beginnt ein neues Projekt. Samira ist dabei. Sie ist sehr ruhig, hält sich zurück, spricht nur wenig, setzt sich oft an den Rand. Alle akzeptieren das, ermutigen sie vorsichtig, respektieren ihre Grenzen. Nach ein paar Wochen erzählt Samira vom vergangenen Jahr und was alles passiert ist. Sie schreibt Texte dazu. Aus einem dieser Texte entwickelt sie selbst eine Szene und macht deutlich, dass sie selbst den Text geschrieben hat. Die Szene findet Eingang in das Stück. Während Samira Regie führt, wird sie sicherer, sagt den anderen, wie sie denkt, wie es sein muss. Sie trifft Entscheidungen, erklärt, was sie meint, wie sie sich gefühlt hat, welche Bilder sie entwickeln möchte. Es wird eine großartige Szene. Die anderen sind beeindruckt.

Von Probe zu Probe wird Samira offener, fröhlicher, vertrauensvoller. Ihre Szene wird gefeiert. Jetzt erlaubt sie unserer Fotografin auch immer häufiger, sie zu fotografieren, findet ihre Fotos nicht mehr peinlich – sondern schön.

Kurz vor der Premiere sitzen wir draußen vor dem Heimathafen. Samira kommt dazu. Sie lacht und umarmt die anderen zur Begrüßung. Wir trauen unseren Augen nicht. Die anderen sagen: Guck mal, Samira wird immer schöner. Das stimmt. Sie schminkt sich jetzt ein bisschen, ihre Augen strahlen, sie tanzt alleine und ausgelassen auf der Bühne – angefeuert von allen anderen.

Nach der Premiere fallen sich alle in die Arme. Und Samira ist mitten drin. Ihre Fotos sind auf dieser Seite und wenn man sie mit denen von vor einem Jahr vergleicht, kann man sie kaum wieder erkennen: Samira steht aufrecht und strahlend auf der Bühne. Wer sie sieht, dem ist klar: Sie ist eine Königin.

Nico*

Als berührendes Beispiel für zahlreiche ähnliche Entwicklungen: Ein Spieler, ich nenne ihn hier Nico, kommt zu mir und sagt leise:
«M. kann sehr gut singen.»
Ich: «Oh, das ist ja super! Meinst du, er könnte hier in der Probe mal singen?»
Nico: «Ne…, er traut sich nicht. Er singt nur alleine zu Hause.»
Ich: «Weißt du denn, welches Lied er singen könnte?»
Nico: «Ja.»
Ich: «Welches denn?»
Nico: «Ich kann es dir aufschreiben.» (Er schreibt es mir auf einen Zettel. Ich lade es bei iTunes runter).

In der nächsten Probe bringen wir die Liedtexte mit und teilen sie aus. Die ganze Klasse singt zusammen im Kreis das besagte Lied. Ich gebe M. ein Mikro und frage ihn, ob er nicht Lust hat, ins Mikro zu singen – alle anderen singen ja mit. M. schüttelt den Kopf. Nein.

Ich: «Du musst ja nicht ins Mikro singen. Sing einfach so mit. Aber du kannst das Mikro ja fest halten. Vielleicht probierst du es einfach zwischendurch mal, kurz rein zu singen.»

M.: «Nein.» (Aber er nimmt das Mikro).

Wir singen weiter zusammen. M. liegt auf dem Bauch auf dem Boden, das Mikro in der Hand. Langsam führt er das Mikro an den Mund, singt kurz hinein, zuckt zusammen, reißt das Mikro wieder weg. Keiner beachtet ihn. Alle singen. M. macht einen erneuten Versuch. Und immer wieder weitere. Irgendwann hören alle seine Stimme. Er singt ins Mikro.

In der darauf folgenden Probe verfahren wir genauso. Alles wiederholt sich genau wie beim letzten Mal. Aber dann richtet sich M. auf und singt laut und sehr schön ins Mikro. Einige Spieler*innen schlagen vor, dass er aufstehen soll und die Klasse sich – «wie in einem Musikvideo» – hinter ihm aufbaut. Gesagt getan. Zur Instrumental-Version des Liedes singt M. nun mit lauter, sauberer, klarer Stimme ins Mikro. Hinter ihm stehen die anderen 23 Mitschüler*innen in einem geordneten Block. Plötzlich fangen einige Schüler*innen an zu weinen. Entsetzt frage ich: Was ist los? Die für mich völlig verblüffende Antwort lautet: «Das ist so schön».

Aus der beschriebenen Situation entwickelt die Klasse die Schluss-Szene ihres Stücks. Für die Klasse ist es «die beste Szene zum Thema Liebe» – und deswegen stellen sie diese an den Schluss ihrer Präsentation.

Walid

Im Sommer 2018 hat Walid Al-Atiyat im Rahmen des ACTeure-Programms von ACT e.V. die Leitung der Jugendtheatergruppe ACTIVE PLAYER NK am Theater Heimathafen Neukölln übernommen. Davor hatte dort Maike Plath sechs Jahre lang den Jugendclub aufgebaut. Walid ist seit 2008 Spieler in Maikes Theaterproduktionen (damals noch an der Alfred-Nobel Sekundarschule und seit 2013 am Heimathafen) und ist mittlerweile Berufsschauspieler. Das ACTeure Programm (Konzeptionelle Entwicklung und Begleitung: Maike Plath) gibt langjährigen Spieler*innen bei ACT e.V. die Möglichkeit einer fundierten und praxis-orientierten Ausbildung zur Spielleitung eigener Gruppen. 

Das Interview mit Walid Al-Atiyat und Maike Plath führte Anna Maria Weber am 17.12.2018

Anna: Walid, du hast im Sommer 2018 die Leitung der Jugendtheatergruppe am Theater Heimathafen Neukölln von Maike Plath übernommen. Könnt ihr euch erinnern, welche Gefühle ihr in der allerersten Probe hattet?
Walid: Oh ja! Ich war ein bisschen nervös. Ich musste ja erstmal alle kennenlernen und ich hatte Pläne im Kopf, musste aber erstmal gucken, ob diese Pläne auch mit der Gruppe funktionieren. Für die Gruppe war ja alles total fremd und sie kannten einander noch nicht so gut. Aber es war auch ein tolles Gefühl. Nach der Probe war es so schön. Ich habe mich wie ein neuer Mensch gefühlt, weil es im Leben eine neue Aufgabe für mich ist, eine Gruppe zu leiten. Am Ende hatte ich echt Angst, was deren Eindruck war. Aber bei der zweiten Probe war ich dann sehr erleichtert, als ich gesehen habe, wie viele zurückgekommen sind.
Maike: Ja, ich kann mich auch sehr gut erinnern. Besonders an den Moment, als wir dann alles besprochen hatten und ich rausgehen sollte. Wir hatten ja verabredet, dass Walid die ersten Proben auf jeden Fall alleine leitet und dass ich draußen bin. Damit ganz klar ist: Er ist die Spielleitung und ich nicht. Und in dem Moment, als ich dann rausgegangen bin und die Tür von außen zugemacht habe, da musste ich erstmal schlucken. Ich musste an die ganzen Jahre denken, die ich hier am Heimathafen verbracht habe und ich wollte halt so gerne weitermachen. Und dachte aber: Nein, jetzt muss ich gehen. Jetzt muss ich das weitergeben.

Anna: Wie läuft es jetzt ab in den Proben?
Walid: Ich habe mich voll dran gewöhnt. Klar ist immer in meinem Kopf: Am Ende muss ein Stück auf die Bühne. Es macht mega Spaß, aber es ist auch stressig. Man muss aufpassen, dass man keinen privaten Stress mit reinbringt. Aber immer, wenn ich aus der Probe rausgehe, merke ich, dass mein Gehirn Pause hatte von meinem privaten Stress. Das heißt, es erfüllt mich auch sehr. Es läuft gut und Maike steht mir immer zu Verfügung, wenn ich Hilfe brauche. Und jetzt in den letzten Proben war es auch so, dass wir uns die Spielleitung ein bisschen aufgeteilt haben, so dass sie mit drin war und jeder von uns gewisse Aufgaben hatte. Und vorher besprechen wir alles ganz genau und Maike fragt immer und sie will mir auch immer wieder zeigen: Du bist der Boss. Für mich ist es aber nicht so. Ich bin ungerne Boss und ich vergesse auch nicht, wer Maike für mich ist. Ich weiß aber auch, dass ich irgendwo auch meine Position haben muss. Ich fühle mich immer mehr in die Rolle der Spielleitung ein, aber ich fühle mich nicht als Boss. Eher als Antreiber. lacht

Anna: Was, glaubst du, sind die wichtigsten Fähigkeiten, die man braucht, um eine Probe zu leiten?
Walid: Ich würde sagen: Menschenkenntnis, Instinkt, Erfahrung, selber eine Leidenschaft für diesen Beruf, Geduld – und man muss auch streng sein. Das muss man sich trauen. Ich pass immer auf. Wenn Leute dazwischenreden, dann sag ich nicht direkt nach dem ersten Satz „Ruhe!“ Wir sind ja nicht im Knast oder so. Ich warte ab. Ich warte so zwei, drei Sätze von denen ab und wenn sie es dann immer noch nicht schaffen, sage ich: Jungs, jetzt ist Ruhe. Ich habe die Stärke zu sehen, was in einem Menschen vorgeht. Ich weiß ganz genau, wenn es einem Menschen schlecht geht und ob ein Mensch jetzt bereit ist, über ein Problem zu reden oder ob ich jemanden in Ruhe lassen muss. Und wenn ich von etwas überzeugt bin, dann kann ich es auch tun. Auch, wenn es schwierig ist.
Und Ehrgeiz braucht man. Jedes Ziel kann geschafft werden. Jeder kann mir sagen „du bist ´ne Niete. Du schaffst es nicht.“ Und ich schaffe es trotzdem. Ich glaube, es ist wichtig, keine Scheu zu haben, ehrlich zu sein und zu versuchen, alles Böse aus dieser Welt wegzukriegen. Und, dass man an sich selber glaubt, das ist sehr wichtig. Ich bin da sehr radikal und ich höre auch nicht auf, jemandem das klar zu machen, bis er oder sie zu sich steht. Und da nehme ich mir auch Jahre Zeit. Mein Kumpel Khaled* zum Beispiel, den kenne ich seit 10 Jahren und den lasse ich auch nicht fallen. Hin und wieder brauche ich Abstand, aber ich höre nicht auf, an ihn zu glauben. Denn das sind verlorene Menschen, die niemanden haben.

Anna: Gab es schwierige Situationen und wie bist du damit umgegangen?
Walid: Die Idee „Kindheit stirbt zuletzt“ ist dadurch entstanden, dass Rebecca, eine gute Freundin von mir, gestorben ist. Und wenn es Tage gab, an denen es mir schlecht ging, war die Probe manchmal schwierig für mich. Und dann die Konzentration beizubehalten und den Spieler*innen zu zeigen, „es geht“, das ist das Anstrengende.

Anna: Was für eine Rolle spielt Vertrauen für die Gruppe und für euch?
Walid: Vertrauen in der Gruppe muss sein. Sobald gelästert wird, spaltet es die Gruppe. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Im Theater brauchen wir 100%. Privat nach dem Theater müssen sie nichts miteinander zu tun haben, aber in dem Prozess ist Vertrauen wichtig. Sowohl als Schauspieler*innen auf der Bühne, als auch als Team.
Maike: Ja und für mich ist die wichtigste Antwort auf die Frage, dass ich wirklich merke, dass ich totales Vertrauen in dich habe, Walid. Also für mich ist das ein ganz großes Ding, dass ich weiß, dass die Arbeit hier am Heimathafen bei dir in guten Händen ist und dass du das so super machst.
Walid lacht: Danke, aber du hilfst mir auch ganz schön viel. Und du hast damals was in mir gesehen und ich fühle mich ehrlich gesagt auch geehrt, dass du mir das hier anvertraust. Weil wir von innen, also alle von ACT wissen, wer Maike ist, aber die von außen, die kennen ja nur ihre Arbeit und sie ist ja ein „hohes Tier“ im Theater. Rosa von Praunheim ist ja auch nicht umsonst auf sie aufmerksam geworden. Und dass dann so eine Frau mir, der um alles kämpfen muss, ihr Baby in die Hand gibt und Vertrauen schenkt, so: „Du kannst jetzt das weitermachen, was ich angefangen habe“ ist ein großes Geschenk. Das ist eine große Ehre. Nur das begreift man nicht so schnell, wenn man sich privat gut kennt. Alle von außen würden neidisch sein, hab ich das Gefühl. Die, die Maike feiern. Ich kenn genug Leute, die Maike feiern. Auf jeden Fall.
Maike lacht: Die Leute feiern dich jetzt auch. Aber sowas von.

Anna: Wie schafft ihr es, dass du, Walid, von Maikes Erfahrungen profitieren kannst, aber trotzdem frei bist, deine eigenen zu machen?
Walid: Mir war es sowieso immer wichtig, den Geist hier am Heimathafen weiterleben zu lassen. Denn wenn keiner da weitermachen würde, wo Maike aufhört, dann würde auch dieser Geist sterben. Deswegen habe ich das wichtig gefunden, mein Eigenes zu entwickeln, aber mit ihrem Input, den ich auch gerne annehme. Denn ich finde es wichtig, dass dieser Geist hier weiterlebt, denn das war ja auch meine Ausbildung.
Außerdem weiß ich ganz sicher, sie will das Beste für mein Stück und ist keine Regisseurin, die Angst hat, dass mein Stück besser wird als ihres. Sie gönnt es mir und nimmt mir sehr viel Angst. Ich weiß ganz sicher, auch wenn ich mir ganz viel Mühe gebe und irgendwas geht trotzdem schief, dann ist Maike da.

*Name geändert

«Wir wollen, dass unser Stück mit der Liebe endet, weil – das wäre das Schönste.»

Erva, Name geändert

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