Warum macht ACT diese Arbeit?

Weil wir es Hussein, Lara, Salma, Ali, Marvin und all den anderen schuldig sind.
Weil jammern nichts bringt.
Weil wir nicht mehr alleine scheitern wollen, sondern lieber zusammen Neues erfinden.
Weil man sich nicht aussuchen kann, woher man kommt, aber entscheiden kann, in welche Richtung man geht.

Wir befinden uns inmitten von Zeiten des Umbruchs. Die Welt verändert sich rasant und überall werden alte Gewissheiten in Frage gestellt. Vieles ist plötzlich möglich und gleichzeitig sehnen wir uns nach Zeiten, in denen die Welt übersichtlicher zu sein schien.

Vielerorts schwindet das Vertrauen in demokratische Grundwerte. Viele Menschen fühlen sich ausgeschlossen oder entfremdet. Sie haben nicht mehr das Gefühl, die Gesellschaft, in der sie leben, selbst mitgestalten zu können. Insbesondere in den Schulen wird deutlich: Hierarchische Strukturen funktionieren in unserer modernen Welt nicht mehr. Konflikte verschärfen sich, wenn Einzelne ausgeschlossen und gedemütigt werden.

Wir brauchen eine Form von Bildung, die mithalten kann in einer Welt, die sich ständig verändert. In der wir lernen, Komplexität und Vielfalt konstruktiv zu nutzen. In der wir lernen, die Perspektive zu wechseln und gleichzeitig Verantwortung für uns selbst und andere zu übernehmen.

Jugendliche bei der Probe der Aktive Player NK im Heimathafen Neukölln.

Wie können wir Raum für Potenziale schaffen?

«… es erweitert auch mein Denken im Unterricht und meinen Einsatz von Methoden und Herangehensweisen. Ich kann verstehen, warum Schülerinnen und Schüler nicht motiviert sind und nun weiß ich es auch zu begründen … Ich freue mich, dass ich Sie und Ihre Ideen kennenlernen durfte und nun selbst erfahren kann. Endlich jemand, der es mir so erklärt, dass ich wirklich danach handeln kann.»

Frau Baum, Lehrerin

«Das Glück kommt in der Probenzeit, weil man frei ist. Man ist wortwörtlich frei, und ich glaube, so eine Freiheit gibt es sehr selten auf der ganzen weiten Welt!»

Walid, 19 Jahre

Die Grundbedingung, um bei Jugendlichen eigenständige Lern- und Denkprozesse zu initiieren, ist ein Raum der Geborgenheit. Die Errichtung eines inklusiven Settings, in dem tatsächliche Begegnungen (Resonanz) möglich werden und Wissen transparent zur Verfügung gestellt wird. Wo Statusabstände verschwinden und Freiheit entsteht. Dort kann sich Eigenes entwickeln.

Ob es gelingt, einen solchen „Ort der Freiheit“ zu etablieren, hängt stark von der inneren Haltung der Person ab, die diese Prozesse führt. Denn nur jemand, der nicht ständig um den eigenen Selbstwert fürchtet, kann eine Atmosphäre erzeugen, in der alle ihren Selbstwert entwickeln können. Prozesse demokratisch zu führen kann man lernen, Schritt für Schritt.

Warum liegen in unseren Schulen so viele Potenziale brach oder werden als Störung wahrgenommen?

Was braucht man dafür?

Ausgangspunkt unserer Arbeit ist der Ansatz von Maike Plath. Die Lehrerin, Autorin und Theaterpädagogin entwickelte während ihrer Zeit an einer Neuköllner Hauptschule das „Theatrale Mischpult“. Innerhalb der letzten dreizehn Jahre hat sie davon ausgehend ein komplexes, wirksames Konzept ausgearbeitet, das in sieben Publikationen vorliegt. 2013 gab Maike Plath ihre Verbeamtung auf und leitet seitdem mit Stefanie López (Vereinsgründering und Geschäftsführung) und Anna Maria Weber (Öffentlichkeitsarbeit) den gemeinnützigen Verein ACT e.V.

Nach diesem Konzept arbeiten wir mit Kindern und Jugendlichen und erweitern es stetig. Die konzeptionellen Grundlagen, Strategien und Erfahrungswerte, die daraus entstehen, geben wir an andere weiter. In Schulen, Theatern und anderen Institutionen. Mit Jugendlichen und Erwachsenen. In Theaterprojekten, im ACT_Lab und in bundesweiten Workshops.

«In 17 Jahren Schuldienst habe ich mich immer wieder gefragt, wie man Unterricht gestalten kann, der allen etwas bringt. Der niemanden langweilt und niemanden demütigt. Und bei dem alle was lernen, ich auch. Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass so ein Unterricht vier Dinge braucht: A-C-T + Ziel»

Maike Plath

1. A_nerkennung

Nahe, vertrauensvolle Beziehungen zwischen allen Beteiligten und absolute Wertschätzung.

2. C_ommunication

Verzicht auf Bewertungen. Fehler gibt es nicht.

3. T_eilhabe

Ernst gemeinte, unendlich viele Partizipationsmöglichkeiten für alle.

+ 4.

Gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen mit einem gemeinsamen Ziel.

Warum gibt es in Deutschland so viele Schulabbrecher und gescheiterte Bildungsbiografien?

Theater als wirkmächtigstes Bildungsmittel unserer Zeit

Die Grundprinzipien von ACT lassen sich auf zahlreiche verschiedene Lern- und Gestaltungsprozesse übertragen – fächerübergreifend, interdisziplinär.

Dennoch setzt ACT als Basis und Startpunkt aller Lernprozesse immer auf die Spielform Theater. Denn Theater – im Sinne von Theater spielen und Theater kreieren – ist das wirkmächtigste Bildungsmittel unserer Zeit.

«Trau keinem Gedanken, der im Sitzen entstanden ist.»

Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes, der Nietzsche zugeschrieben wird, kann heute durch die Neurobiologie bewiesen werden: Neurobiologen haben den Zusammenhang zwischen Bewegung, Emotion und nachhaltigem Lernen inzwischen wiederholt wissenschaftlich belegt.

Während der partizipativ gestalteten Theaterarbeit arbeiten Jugendliche grundsätzlich handlungs-, erfahrungs- und wirkungsorientiert:

Theater spielen und kreieren verbindet unter dem Primat ästhetischer Gestaltung komplexe kognitive, emotionale, motorische und soziale Anforderungen und ermöglicht dadurch auf besonders effiziente Weise die Ausbildung von sozialer Kompetenz und von Kreativität.

Theater spielen und kreieren ermöglicht Lernen und Toleranz, Verstehen und Teilhabe und damit eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung.

Theaterspielen macht schön und selbstbewusst! Ein Mädchen traut sich das erste mal vor der Gruppe Gitarre zu spielen.

Was ist das Geheimnis von ACT?

Linda, 15 Jahre

«Es macht mich einfach glücklich. Wenn ich merke, jetzt kann ich so sein, wie ich will, und jetzt kann ich einfach mal loslegen.»

Frau Müller

«Das klingt vielleicht drastisch, aber Ihre Sicht hat mir die Augen geöffnet, für die Welt und wie ich mich in ihr verstehen muss. Die Effekte, die Sie beschrieben haben, sind genial und ich konnte sie selbst so beobachten. »

Dass jeder verschieden sein darf und gerade in seiner Einzigartigkeit wichtig ist für das gemeinsame Ziel, schafft eine unglaubliche Motivation. Das Geheimnis dabei ist: Wenn alle Beteiligten sich als Kollektiv begreifen und an einer gemeinsamen übergeordneten Aufgabe arbeiten, braucht es die Vielfalt, braucht es die Verschiedenheit. Die Jugendlichen sind keine Einzelkämpfer mehr, die miteinander konkurrieren müssen – stattdessen erleben sie das Glück gelingender Kooperation.

Solange Schüler in Konkurrenz – um Noten, um Aufmerksamkeit, um als ideal beschworene Bildungsbiografien – zueinander stehen, können sie nicht begreifen, warum sie einander respektieren und wertschätzen sollen. Wenn sie aber ermutigt werden, verschieden zu sein und auch zu bleiben, wenn das Eigene Anerkennung durch die gesamte Gruppe findet, und gerade dieses Eigene erkennbar einen Sinn für alle erfüllt, laufen Kinder zu Hochform auf – und lernen das Andersartige, Fremde als Bereicherung zu begreifen.

Damit löst diese Form des Arbeitens eines der größten Probleme unseres derzeitigen Schulsystems: die Unfähigkeit, Vielfalt als Grundvoraussetzung und Riesen-Ressource zu begreifen.

So lernen Jugendliche:

Ich bin einzigartig, und das darf ich auch sein. Und genau durch das, was ich kann, habe ich die Möglichkeit, die Welt mitzugestalten und anerkannter Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Ergreife die Initiative und inszeniere dich und dein Leben immer wieder neu! Fange an, die Welt spielerisch zu begreifen und vertraue der eigenen Regie, ohne Angst vor «Fehlern» – denn Fehler sind Umwege, und Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

ACT heißt: Handle und spiele — und führe Regie über dein Leben!

 

Alle Abbildungen: Friederike Faber
Film: Moritz Degen